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published: 06.12.2005
Promi-Statement
Muhabbet
Unterstützt die Aktion Ausbildung! - Muhabbet (Foto: Public Address)
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· Was für einen Schulabschluss hast du?
„Ich war in Köln Bocklemünd bis zur Klasse zehn auf einer Gesamtschule. Ich wollte eigentlich einen Abitur-Quali, bin aber an einer halben Note in Deutsch gescheitert. Dann musste ich auf einer Wirtschaftsschule zwei Jahre lang ein Fachabitur machen. Das habe ich mit einem Durchschnitt drei bestanden. Da war ich 17. Dann habe ich erst mal ein Jahr Pause gemacht. Ich habe mich nie beim Arbeitsamt arbeitslos gemeldet oder so, sondern habe viel Auftritte gemacht und dafür Gagen gekriegt.

· Trotzdem hast du dann eine Ausbildung angefangen, nicht wahr?
„Ja, 2003 habe ich beim Aldi eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann angefangen. Mit dem Fach-Abi konnte ich die auf zwei Jahre verkürzen. Meine schulischen Leistungen haben auch gestimmt. Im ersten Jahr hast du im Monat 550 Euro netto. Aber der Aldi war mir zu brutal. Die haben mich als Azubi kein bisschen lockerer drangenommen. Ich war für die eine ganz normale Arbeitskraft: War ich da, wurde jemand anders nach Hause geschickt. Nach drei Monaten Einarbeitungszeit war das Azubi-Leben vorbei. Wenn man nach so kurzer Zeit keine Schutzhülle oder keinen Puffer mehr hat, dann geht man ganz schnell kaputt.“

· Was hat denn dort nicht gestimmt?
„Nach neun Monaten habe ich wirklich einen Nervenzusammenbruch gehabt. Im Laden ist immer was los, Leute kaufen immer ein, es fällt immer eine Flasche hin und das muss immer der Azubi saubermachen. Der Azubi muss auch jeden Samstag die Toiletten vom Personal putzen. Da habe ich mir gesagt: Warum habe ich mein Fach-Abi gemacht?“

· Bist du dir zu fein für solche Arbeiten gewesen?
„Nein, aber die Leute dort waren nie zufrieden. Während meiner Arbeitszeit sollte ich z.B. die Presse saubermachen. Das kriegt man dann natürlich nicht hin, wird noch angeschnauzt, soll aber gleichzeitig an der Kasse sitzen. Dann kommt der Ober-Chef und sagt: „Wieso arbeitest du nicht da?“. Es war so eine Psycho-Belastung, dass ich nach neun Monaten mit Radau gekündigt habe. Ich wäre gerne etwas menschlicher behandelt worden. Ich bin eigentlich sehr traurig, weil ich den Gesellenbrief gern gemacht hätte.“

· Welche Ratschläge hast du für Leute, die jetzt von der Schule abgehen?
„Man darf sich von negativen Dingen nicht aufhalten lassen. Meine Message ist besonders für alle Ausländer in Deutschland, auch die, die hier geboren sind: Ihr habt es zwar schwieriger, aber egal, wie benachteiligt ihr euch fühlst und auch egal, ob es einmal im Jahr eine rassistische Aktion gegen euch gibt, davon dürft ihr euch nicht aufhalten lassen! Das ist alles Firlefanz, alles Kinderkram. Du kannst dich nicht hinsetzen und sagen: ‚Ich bin Ausländer, deswegen erreiche ich hier nichts.’ Da bist du schon selber schuld. Schwänz halt weniger!“

· Welchen Rat hast du an Leute, die jetzt von der Schule abgehen?
„Es gibt manche, die schreiben drei Bewerbungen und denken: ‚Damit klappt es jetzt.’ Dann kriegen sie fette Absagen, werden beim Arbeitsamt nicht so toll eingestuft und sind dann total demotiviert. Depressionen kommen schnell. Ich komme aus Bocklemünd und da sind 80 Prozent arbeitslos. Es ist krass. Die stehen den ganzen Tag im Zentrum vor der Bäckerei, vor dem türkischen Café. Die Polizei kommt auch noch jeden Tag, kontrolliert die und nennt sie ‚Abschaum`. Dann kommt noch ein Brief vom Arbeitsamt: ‚Wenn du dich jetzt nicht bewirbst, streichen wir dir deine 80 Euro im Monat und Kindergeld kriegst du auch nicht mehr“. Da verlieren viele den Drang, etwas zu erreichen. Aber man sollte sich trotzdem motivieren.“

· Was würdest du dir von der Seite der Firmen wünschen?
„Es wäre vielleicht gut, mal Testarbeit anzubieten. Okay, es gibt Praktika, aber an viele Praktika kommt man erst gar nicht ran, weil viel Vetternwirtschaft betrieben wird. Wenn man erst einmal eine Demotivation nach der zehnten Klasse erlebt hat, ist es unnormal schwer. Wenn man dann noch Absagen bekommt, ist es schwer, wieder motiviert zu werden. Da hängen viele lieber den ganzen Tag ab. Und für die Zeit der Ausbildung: Die Unternehmen sollten vor allem menschlicher sein und den Auszubildenden mehr zuhören. Es wäre auch toll, wenn es Treffen gäbe, wo sich die Auszubildenden einer Firma kennen lernen können.“

[PA]
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